Mindsight-Kongress - Abschlussbericht

Berlin. Der Geburtsort des berühmten Psychotherapeuten und Autors Arno Gruen wurde zum Schauplatz des 1. Europäischen Mindsight-Krongresses mit den drei StarreferentInnen Tania Singer, Gunther Schmidt und dem Schöpfer des Mindsight-Konzepts, Daniel Siegel. Das Interesse am Kongress hätte kaum größer sein können, der Saal war zum Bersten gefüllt.

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 Wie schon häufig in den Schriften Arno Gruens ging es gleich zu Beginn des Kongresses um Mitgefühl. Tania Singer betrat die Bühne und erklärte anhand ihrer brandaktuellen, sogar noch unveröffentlichten Ergebnisse, den wichtigen Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl und wie beide gestärkt werden können.

Unter Empathie versteht sie das blanke Hineinfühlen in die Gefühlswelt einer anderen Person. Als Beispiel nennt sie einen Elternteil, der den Schmerz des Kindes, das sich das Knie aufschlägt, so erlebt, als wäre es sein eigener. Während diese gefühlsmäßige Perspektivenübernahme zwar wichtig und als Ausgangspunkt für Hilfeverhalten gesehen werden muss, geht Mitgefühl trotzdem darüber hinaus. Ausgeprägte Empathie hat nämlich einen Haken: Wird der Schmerz des Gegenübers vollständig übernommen, kann dies eine lähmende Wirkung zur Folge haben, die ein Hilfeverhalten verhindert. Mitgefühl hingegen bewirkt, dass man den Schmerz des anderen immer noch spürt, aber dass dieser durch ein stärkeres Gefühl, nämlich dem Drang, dem anderen zu helfen, überlagert wird.

Tania Singer überträgt diese Sichtweise nicht nur auf den kleinen, zwischenmenschlichen Kontext. Sie ist der Ansicht, dass das Weltbild des Homo Oeconomicus und somit eine kapitalistische Weltsicht, in der jede/r seinen Nutzen maximiert, veraltet ist und über Bord geworfen werden sollte. Stattdessen plädiert sie für prosoziales, nachhaltig ökonomisches globales Verhalten. Den Kern hierfür bildet die Stärkung von Mitgefühl. Das ist selbstverständlich leichter gesagt, als getan, doch Dr. Singer forscht bereits an einer Lösung.

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Wie ihre neurologischen Untersuchungen zeigen, können diverse Mediationsformen die unterschiedlichsten neuroplastischen Veränderungen in genau jenen Gehirnregionen verursachen, die für das Erleben von Mitgefühl veranwortlich sind. Da die Ergebnisse ihrer Studien erst in Kürze veröffentlicht werden, dürfen wir an dieser Stelle leider keine Details preisgeben. Es lässt sich jedoch so viel sagen: Tania Singer hat das Zeug dazu, die Welt nachhaltig zu verändern.

Im Anschluss betrat der Meister von Mindsight, Dr. Daniel Siegel die Bühne und führte das Publikum grundlegend in seinen Mindsight Begriff ein. Er erfand ihn bereits in den 80er Jahren, als er als Psychiater in Ausbildung feststellte, dass seine ProfessorInnen weder empathisch mit ihren PatientInnen, noch mit ihren Studierenden umgingen. Er war fasziniert davon, dass es möglich war, dass MedizinerInnen und speziell PsychiaterInnen es nicht schafften, den Geist (=Mind) der Menschen, mit denen Sie arbeiteten, zu sehen bzw. zu erkennen (=Sight). Mindsight meint also sprichwörtlich, den Geist einer anderen Person zu erblicken. In den darauffolgenden Jahren entwickelte Dr. Siegel deshalb Techniken, die es Menschen erlauben, ihre eigene Innenwelt besser zu verstehen, mehr Empathie für andere zu verspüren und so mehr Integration zu erreichen. Integration ist das Ergebnis von Mindsight und meint nach der Lesart Dr. Siegels, sich selbst besser zu verstehen, die Unterschiede zwischen Menschen zu respektieren, Verbindungen zwischen ihnen zu fördern und auf neurologischer Ebene die unterschiedlichen Fähigkeiten der beiden Hemisphären des Gehirns zu verknüpfen. Dies ist nach seiner Auffassung der Schlüssel zu sicheren Bindungen zwischen Eltern und ihren Kindern, zu Wohlbefinden in sämtlichen menschlichen Beziehungen und die Grundlage für gelungene Selbstregulation. Zur Veranschaulichung seiner Thesen schreckte er auch nicht zurück, sich unseres Veranstalters Philip Streit, Tania Singers und Heike Borns zu bedienen und sie als Platzhalter für Neuronen auf die Bühne zu stellen.     

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Den Abschluss von Tag 1 bildete eine Diskussion zwischen Tania Singer und Daniel Siegel in der sie über Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer Denkweisen sprachen und Fragen aus dem Publikum beantworteten. Wie die Bilder unten beweisen, überwogen die Gemeinsamkeiten.

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Tag 2 startete mit Daniel Siegel, der als erstes seine eigens entwickelte Meditationsübung, das „Wheel of Awareness“ vorstellte und mit dem Publikum trainierte. 

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Ziel dieser Übung ist es, sich seiner eigenen Gefühlswelt im Hier und Jetzt gewahr zu werden, die Verbindungen zwischen Geist, Gehirn und Körper und seiner sozialen Umwelt zu entdecken. Grundlage für diese Übung ist Daniel Siegels Ansicht, dass wir nicht nur unser Körper und unser Gehirn sind, sondern dass wir ebenso stark von den Verbindungen zu unserer Umwelt beeinflusst werden und dass unser Geist mehr ist, als nur die Summer dieser Teile.

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Dr. Siegel stützt seine Ansicht auf neueste, jedoch wie er selbst nicht müde wird, zu betonen, spekulative Ansätze aus der Quantenphysik. Seine Idee der Verbindung zwischen uns und unserer sozialen Umwelt beruht auf dem Phänomen der verschränkten Teilchen. Darunter versteht man den quantenphysikalischen Effekt, dass Teilchen über eine Energiebrücke miteinander verbunden sind. Ändert man die Bewegungsrichtung des einen Teilchens, ändert sich die Bewegungsrichtung des anderen dementsprechend mit – und dies in Echtzeit (also schneller als die Lichtgeschwindigkeit), ohne dass ein Signal oder etwas ähnliches ausgesendet werden müsste. Übertragen auf die Verbindung zwischen Menschen erzählte Dr. Siegel eine Anekdote über eine seiner PatientInnen, deren Bruder in einem Brand ums Leben kam. Die Patientin erzählte ihm, dass sie zur Zeit der Tragödie mit ihrem Auto zur Arbeit fuhr, jedoch stehen bleiben musste, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, Rauch in den Augen zu haben weshalb sie kaum noch etwas sah. Später erfuhr sie, dass dies genau in dem Zeitraum geschah, in dem ihr Bruder von den den Flammen eingeschlossen wurde. Viele Menschen kennen solche und ähnliche Geschichten. Man fühlt plötzlich, dass es einem geliebten Menschen nicht gut geht, dass er/sie Angst hat oder krank ist, ohne dass man weiß, warum man dies gerade fühlt. Daniel Siegel glaubt, dass diese Phänomene auf genau dem oben beschriebenen Verschränkungsprinzip beruhen und dass wir unser Gehirn mit Meditation trainieren können, diese Verbindungen stärker wahrzunehmen und zu nutzen. Wie schon Tania Singer glaubt Dr. Siegel, dass Mitgefühl der Schlüssel zu globalem Wohlbefinden ist und die Basis für dieses Gefühl könnte tatsächlich die Verbindung sein, die wir mit allen Erdenbewohnern haben. Wir müssen sie nur neu entdecken. Aus „Ich“ und „Wir“ wird somit „Wich“ (eng.: „Me“, „We“ wird „MWe“)

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Der Abend des zweiten Tages gehörte dann dem „Comedian“ der deutschen Psychotherapie, Dr. Gunther Schmidt. Keiner versteht es so wie er, therapeutische Arbeit und die dazugehörigen Theorien so zu verpacken, dass das Publikum belehrt und gleichzeitig erheitert von Dannen zieht. Er erklärte die Gemeinsamkeiten seines Embodiment Konzepts mit dem Mindsight Konzept von Daniel Siegel. Während Daniel Siegel den Schwerpunkt auf Mediation legt, setzt Gunther Schmidt auf den Körper und spezifische Verhaltensweisen (selbstbewusstes Auftreten, etc.), die dann bei uns das gewünschte Gefühl erzeugen, ganz nach dem Motto: „So wie man geht, so geht es einem.“

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Am letzten Tag ließ Daniel Siegel, seines Zeichens Kinder- und Jugendpsychiater, noch einmal praktisches Wissen vom Stapel. Dabei erklärte er, wie die bekannten Bindungsstile zwischen Eltern und Kind die neuronalen Strukturen in unseren Gehirnen von klein auf und nachhaltig prägen und wie diese mittels Neuroplastizität später geändert werden können.

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Zum Abschluss gab es noch die Möglichkeit, sich das neueste Buch von Dr. Siegel „Mind – A Journey to the Heart of being Human“ von ihm signieren zu lassen. Eine Möglichkeit, die sehr oft genutzt wurde, wie das untere Bild beweist. 

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Wir bedanken uns an dieser Stelle bei allen TeilnehmerInnen, HelferInnen und selbstverständlich den ReferentInnen, allen voran Daniel Siegel, der das dreitätigige Programm zu einem unvergesslichen Erlebnis machte. Wenn Sie noch mehr über Mindsight wissen wollen, besuchen sie doch unsere Mindsight Bibliothek oder fragen Sie direkt bei uns unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! an. Behalten Sie auch unseren Veranstaltungskalender im Auge. Demnächst wird es einige Fortbildungen zu Mindsight geben!

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