Mindsight mit Herz und Hirn
Das war der 2. Kongress „Denk- und Handlungsräume der Psychologie“
24.- 26. Mai 2013

Über 530 sind zum zweiten Kongress „Denk- und Handlungsräume der Psychologie“ gekommen, den die Akademie für Kind, Jugend und Familie gemeinsam mit Kooperationspartnern, wie dem Milton-Erikson Institut Heidelberg, der Kompetenz GmbH, dem Inntal Institut, dem ÖVS, dem Steirischen Landesverband für Psychotherapie und dem Berufsverband Österreichischer PsychologInnen Landesgruppe Steiermark und anderen veranstaltet hat. Das Thema war brisant: „Neurobiologische und/oder psychosoziale Entwicklung und Veränderung in Psychologie, Therapie, Erziehung und Coaching“. Brisant und hochinteressant waren auch die ReferentInnen.

Den Anfang machte der weltbekannte amerikanische Universitätsprofessor Daniel Siegel. Faszinierend und ohne Hilfsmittel präsentierte er sein Modell einer Interpersonalen Neurowissenschaft, sein Modell von „Mindsight“. Mindsight beschreibt ein Zusammenspiel von Neurobiologie, psychosozialen Wissenschaften, Anthropologie, Mathematik und Physik, um herauszufinden, wie der Geist sich bestmöglich entwickeln kann. „Mind“ ist nach Daniel Siegel mehr als ein Produkt des Gehirns. Es ist ein sich entwickelnder Informations- und Energieaustausch ausgehend vom eigenen Körper (Gehirn) in Bezug auf andere, die eigene Befindlichkeit, psychosoziale und gesellschaftliche Umstände. Faszinierend war auch, wie Daniel Siegel 12 neurobasierte Strategien präsentierte, wie das Mindsight-Modell auf die Arbeit mit Kindern angewendet werden kann. Er zeigte Übungen, wie man zwischen oberem (denkendem und planendem) und unterem (emotionalem) Gehirn beziehungsweise zwischen linker und rechter Gehirnhälfte hin- und herwechseln kann. Eine faszinierende Übung ist zum Beispiel die sogenannte „Fernbedienung des Geistes“.
Seinen abendlichen Vortrag begann Daniel Siegel mit einer Stunde Meditation – ungewöhnlich für einen wissenschaftlichen Kongress, aber für die TeilnehmerInnen höchst wirkungsvoll und erfreulich. Das war die Basis für seine Überlegungen, auf was es bei einer erfolgreichen Gehirn- und Geistesentwicklung ankommt: Differenzierung, Akzeptanz, Integration. Achtsamkeit und Respekt nach Innen wie nach Außen und Respekt vor dem Anderen ermöglichen dies. Aufgabe der Therapie ist es diesen Prozess zu fördern.

Am Samstagmorgen ging es bei idealem Kongresswetter von zehn Grad Außentemperatur in der wundervollen Aula der Karl Franzens Universität Graz gleich praktisch zur Sache. Ulrike und Franz Petermann präsentierten empirisch, sozialwissenschaftlich und neurobiologisch höchst fundiert ihr Programm zum Umgang mit aggressiven Kindern. Hier zeigte sich, was eine gut geplante Verhaltenstherapie kann: Frühzeitig eingesetzt senkt sie das Auftreten von schädlicher Aggression beträchtlich. Auch wenn Aggression sich schon entwickelt hat, bremst sie aggressive Verhaltensweisen beträchtlich und ermöglicht ein Miteinander. Dies besonders wohl auch, weil die Petermanns, Deutschlands wohl bekannteste Kinderpsychologen, ein eigenes Elternprogramm ausgearbeitet haben.

Der Samstagnachmittag begann mit Prof. Haim Omer aus Tel Aviv und seinem Modell der Neuen Autorität. Haim Omer zeigte, was hilflose und verzweifelte Eltern brauchen, deren Kinder hochschwierig sind: Stärke durch Präsenz und Organisieren von Unterstützung. Wie Haim Omer brillant erklärte, können Interventionen wie eine Ankündigung, die Telefonrunde, das Sit-In und das Herstellen von Transparenz darauf aufbauen. Eindrucksvoll zeigte Haim Omer am Fallbeispiel eines zwangsneurotischen Kindes, was eine UnterstützerInnenkonferenz und die Transparenz zu verändern im Stande ist.

Danach gehörte die Bühne Primarius DDr. Michael Lehofer, der sich die Frage stellte, wem die Seele eigentlich gehört: der Psychiatrie oder der Psychologie. Seine Antwort fiel differenziert aus. Psychiatrie und Psychologie hätten gleichermaßen mit der Seele zu tun, der Zugang sei jeweils anders. Das entscheidende an der Seele sei aber, dass sie sich in Auseinandersetzung mit der Umwelt herausbilde, sozusagen mentalisiere. Faszinierend sind auch Primarius Lehofers Ausführungen zum Leiden. So konnte er überzeugend argumentieren, dass das Sein in einer Depression eigentlich bereits ein leidensfreier Zustand sei, bis dorthin könne aber jede Menge Leiden vorhanden sein. Hier sieht man wieder, wie nahe lösungsorientierte und andere Ansätze beisammen liegen.

Der Abend gehörte DDr. Gerald Hüther. Sein Video-Interview, das er extra für den Kongress gemacht hatte, wurde von den TeilnehmerInnen begeistert aufgenommen.

Der Sonntagmorgen begann mit Julius Kuhl, dem beeindruckenden Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Uni Osnabrück. Er skizzierte den Unterschied zwischen „Ich“ und „Selbst“: Das „Ich“ sei planend und denkend, beim „Selbst“ komme das Gefühl hinzu. Das „Ich“ sei eher links im Gehirn zu finden, das „Selbst“ eher rechts.
Unter Hinweis auf neurobiologische Grundlagen arbeitete er aus , wie wichtig es ist, sich kreuzweise zwischen planendem „Ich“ und unmittelbar lustbetontem Handeln, zwischen emotionalen Befindlichkeiten und geplanten Handlungsstrukturen zu vernetzen. Außerdem wies er darauf hin, dass Veränderung nur durch Handeln möglich sei. Veränderung mache manchmal Mühe, aber es zahle sich aus. So funktioniere effektives Selbstmanagement.

Dann kam der wohl bedeutendste Neurowissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum, Europas und weltweit: Prof. DDr. Gerhard Roth. Er ließ den Atem stocken, als er sagte, dass wir nicht so optimistisch sein sollten, wenn es darum gehe, ob wir uns verändern könnten. Schädigungen in den ersten drei Lebensjahren seien kaum mehr aufholbar. Dafür brachte er überzeugende neurowissenschaftliche Fakten, um dann doch zuzugestehen, dass natürlich Veränderung da sei. Der entscheidende Faktor dazu sei die Beziehung. Er nannte auch drei No-Go's der Veränderung: Apell an die Einsicht, Bestrafung und Strafandrohung. Veränderung brauche Leidensdruck, kleine Schritte und Motivation von Innen heraus, also intrinsische Motivation.

Darauf ging dann auch Philip Streit in seinem Referat „Neurobiologische Grundlagen einer Positiven Psychologie“ ein. Positive Psychologie beschäftigt sich systematisch mit Möglichkeiten einer positiven Veränderung und mit den Möglichkeiten sich innerlich so positiv zu stimulieren, dass dauerhaftes Wohlbefinden möglich sei. Streit konstruierte faszinierende Zusammenhänge zwischen neuronalen Befindlichkeiten, neurobiologischen Prozessen und wesentlichen Glücksprozessen und schloss schließlich damit, dass das Erleben positiver Emotionen, das Nutzen von Stärken, das Pflegen positiver Beziehungen, das Meistern von Herausforderungen und das Genießen von Erfolgen therapeutisch gut eingesetzt werden können. Dabei ist es auch wichtig, nicht zu vergessen, dass wir für ein Wohlbefinden auch Stress und so manche negative Erfahrung brauchen.

Gunther Schmidt rundete den Kongress letztendlich ab. Er zeigt deutlich wie kein anderer, wo der „Nutzen des Problems“ liegt und wie dies bei schwierigen Problemen und verzwickten Situationen in Familien aber auch Organisationen utilisierbar ist. Anhand seiner eigenen Klinik, der Systelios-Klinik, zeigte er auch, wie wertvoll und effektiv es ist, wertschätzend miteinander umzugehen, den anderen zu akzeptieren und zu begegnen und sich die Zeit und Mühe zu nehmen, gemeinsam zu entscheiden.

Der Abschluss war triumphal. Das Publikum dankte mit stehenden Ovationen dem Team der Akademie für Kind, Jugend und Familie.
Angekündigt wurde auch der 3. Kongress „Denk- und Handlungsräume der Psychologie“ Er wird von 29. bis 31. Mai 2015 in Graz unter dem Motto: Potenzialentfaltung!? Wohin gehen Psychotherapie, Psychologie, Coaching, Organisationsentwicklung und Erziehung .
Alle veröffentlichbaren Materialien zum 2. Kongress finden Sie auf www.akjf.at.
Zögern sie nicht, uns eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu schreiben, falls Sie uns noch irgendwas zum Kongress mitteilen möchten und/oder weitere Anregungen und Rückmeldungen für uns haben.

 

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