3. Internationaler Kongress für Positive Psychologie

 

Positive Psychology is about changing the world, help make it happen (Mihalyi Czikszentmihalyi)

Bericht vom 3. Internationalen Kongress für Positive Psychologie (Third World Congress of the International Positive Psychology Assoziation, IPPA) vom 26. bis30. Juni 2013 in Los Angeles.



Über 1200 Besucher aus über 150 Ländern, 12 Keynote Speakers (Fest- oder Hauptredner), über 50 Symposien, über 50 Workshops, 400 Poster und über 30 Roundtables. Kein Zweifel, die Positive Psychologie ist eine der Energizers psychologischer Wissenschaft und Praxis. Daniela Hofer und Philip Streit waren in Los Angeles dabei.

 

Schon beim IPPA Board Member Meeting, 40 km außerhalb von Los Angeles in der durchaus noblen Privatuniversität in der kleinen Stadt Claremont beim Treffen mit dem Direktor, wird klar: dies wird eine ganz besondere Konferenz. So ein qualitativ hohes Niveau, so viele Interessenten und so viele Beiträge hat es noch nie in der Geschichte der Positiven Psychologie gegeben. Am nächsten Abend kann man in dem Hotel Westin Bonaventure eine Stecknadel fallen hören, als Roy Baumeister und Martin Seligman zur Eröffnung die Bühne betreten. Sie lassen keine Sekunde einen Zweifel daran, worum es der Positiven Psychologie geht: um die Zukunft, nämlich darum, dass WIR es in der Hand haben wie wir sie gestalten. Laut Seligman sei unser Gehirn darauf programmiert zukunftsorientiert zu denken und sich diese auszumalen („imagination prospective psychology“).Für dieses neue Forschungsfeld stehen 500 Millionen Dollar an Forschungsgeldern zur Verfügung. Dies sorgt für Erstaunen und wieder einmal wird klar, der wohl genialste Psychologe unserer Zeit hat ein Stück weiter gedacht.

 

Gleich zu Beginn des Kongresses fällt auf, wie gut sich die Positive Psychologie mit anderen Teilgebieten vernetzt. So sind Roy Baumeister, Universitätsprofessor aus Florida und weltbekannt für seine self-control- Theorien, zu Gast, ebenso wie Richard Lerner, der Entwicklungswissenschaftler mit seinem Positive Youth Development Ansatz. Baumeister legt in seiner Keynote „Toward a theory of free will“ bestechend klar dar, dass es gar nicht darum geht, ob wir einen freien Willen haben oder nicht, wir Menschen sind in jedem Fall in der Lage Entscheidungen über unser Wohlbefinden und unsere sozialen Umstände zu fällen („self-regulation“).

 

Dabei kommt die Wichtigkeit sozialer und kultureller Umstände keineswegs zu kurz. Professor Bonaiuto aus Rom bringt erstmals in die Konferenz Aspekte einer Positiven Umweltpsychologie ein, eine Art Guideline für positives Umweltbewusstsein. Die Jugend spielt eine besondere Rolle auf diesem Kongress. Allen ist klar, dass es entscheidend ist, wie die Jugend aufwachsen wird. Richard Lerner legt fest, dass es um drei Dinge geht, damit Jugendliche sich gut entwickeln können: (1) die Fähigkeit zu angemessener Selbstbehauptung und Selbstkontrolle, (2) das sorgfältige Vorbereiten einer adäquaten Umwelt in der Form vielfältigster Angebote durch Vereine, Initiativen, die ein Zusammenwirken zwischen Eltern und Jugendlichen ermöglichen und ganz entscheidend, (3) eine positive Grundhaltung der ErzieherInnen.

 

Immer wieder spielt bei dem Kongress ein Begriff eine wichtige Rolle. Das von Martin Seligman geprägte PERMA Konzept, der Schlüssel zum Wohlbefinden: positive Emotionen, Engagement, gute Beziehungen, sinnvolle Projekte und Gelingen.

Barbara Fredrickson bringt es in einem aufsehenerregenden Workshop auf den Punkt: Wohlbefinden hat Auswirkungen auf unseren Körper. Sie legt Forschungsergebnisse gemeinsam mit dem genetischen Labor der Universität von Kalifornien vor, zeigt auf, dass die Kooperation mit und das Tun für andere Einfluss auf die wichtigsten Genexpressionen haben, die unser Immunsystem regulieren. Wohlbefinden, Erleben positiver Emotionen, Erlernen positiver Kommunikation und gelingendes Erleben haben Einfluss auf unsere Gesundheit. Sabine Sonnentag von der Universität in Trier betont ebenso wie wichtig es ist, nach einem intensiven Arbeitstag an andere Dinge zu denken und sich auf persönliche Projekte konzentrieren zu können. Wohlbefinden scheint mehr und mehr ein integratives Ganzes zu werden, aus den Bereichen der Arbeit, der Freizeit, des Privaten und der Familie.

 

Beeindruckend war die Darstellung der praktischen Anwendungsgebiete der Positiven Psychologie. Da ist zunächst einmal das breite Feld der Erziehung. Matthew White vom St. Peters College in Australien kann berichten, wie sich ein ganzer Schulkomplex aus über 1500 Schülern nachhaltig zu sozialem und erfolgreichem Leben und Lernen entwickeln kann: Durch Integration Positiv- Psychologischer Interventionen. Hervorstechend sind auch die Anwendungsergebnisse in wirtschaftlichen Bereichen. Kaum eine Firma, die außerordentliche Ergebnisse erzielt wie etwa Google, kann auf die Interventionen und Anregungen der Positiven Psychologie verzichten. Im Forschungsbereich spielt diese Vorstellung von Methoden und Zusammenhängen zwischen Neurowissenschaft und Positiver Psychologie eine wichtige Rolle. Im Bereich Erziehung aber auch im Bildungscoaching hat sich sehr viel getan. Über 200 Poster brachten vielfältigste Forschungsergebnisse, Österreich war mit einer Studie des Landesnervenkrankenhauses Sigmund Freud (LSF), gemeinsam durchgeführt mit der Abteilung der Altersgeriatrie und dem IKJF in Graz vertreten. Von Philip Streit, Christian Jagsch, Daniela Hofer, Brigitte Streit-Emberger und ihrem Team wurden bei über 65-jährigen depressiven KlientenInnen Positiv-Psychologische Interventionen durchgeführt mit dem Ergebniss, dass bereits nach 2 Wochen die Lebenszufriedenheit ansteigt und depressive Symptome zurückgehen.

 

Einen ihrer Größten hat die Positive Psychologie ja leider seit dem letzten Kongress verloren, nämlich Christopher Peterson, welcher u. a. gemeinsam mit Martin Seligman den Values in Action - Fragebogens entwickelt hat. Da er Ende 2012 plötzlich verstarb, wurde ihm eine berührende Gedenkfeier am Kongress gewidmet und Martin Seligman gab das Vermächtnis von Christoph Peterson bekannt, nämlich eine fast fertig ausgearbeitete Analyse der Charakterstärken, ihrer Abweichungen und ihrer Gegenteile. Mit dem Ziel, daraus eine hermeneutische und theoriegebundene Verständnis- und Arbeitsplattform für psychische Störungen zu kreieren. Viel Forschungsarbeit würde hier warten, aber es zahle sich aus in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, die die modernen Klassifikationssysteme aufgrund ihrer reinen Aufzählungslogik hätten.

Auch Kultur und Feiern kamen nicht zu kurz bei dem Kongress, so gab es eine mitreißende Eröffnungsparty auf allen Floors des Hotels und einen Empfang unter Sternen zum Abschluss des Kongresses. Es war ebenso möglich neue Kontakte zu knüpfen und alte zu pflegen. Man konnte an jeder Ecke Psychologie interessierte Menschen kennen lernen und sich mit ihnen über ihre Ideen und Gedanken austauschen. Das Klima dieses Kongresses war leidenschaftlich, von Kooperation und gemeinsamen Handeln geprägt, ganz anders als auf vielen anderen Kongressen. So wurde auch der Abschied mit einem Glas Wein gefeiert und nicht mit einem trockenen Schlusswort. Eine Schlussansprache gab es trotzdem, nämlich die von Mihaly Csikszentmihalyi und diese war tief beeindruckend. Er sprach über die Zukunft der Positiven Psychologie. Wir hät en uns drei Fragen zu stellen: 1. Wer werden wir sein? 2. .Wo werden wir leben? Und 3. Was werden wir tun? Hier dockt die Positive Psychologie mit ihren positiven Beiträgen unmittelbar an den entscheidenden Fragen unserer Gegenwart an. Klar wie kaum jemand appelliert er an unsere soziale Verantwortung, an die Möglichkeiten, was menschliche Wesen im gemeinsamen positiven Tun aus sich selbst und aus der Gesellschaft machen können und auch aus unserem Planeten. Lasst es uns gemeinsam tun!

 

Im Juni und Juli 2014 findet die Seligman Europe Speaking Tour „Wege und Möglichkeiten der Positiven Psychologie“ in Graz (Ö), Rosenheim und Berlin (D) statt. In dieser hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihe werden einige der namhaftesten Vertreter auf dem Gebiet der Positiven Psychologie den neuesten Stand der Forschung und die aktuellsten praktischen Anwendungen präsentieren. Mehr Information und die Möglichkeit sich Online anzumelden finden sie auf Seligman Europe Speaking Tour.

 

Dr. Philip Streit ist Leiter des Instituts für Positive Psychologie und Mentalcoaching in Graz und Koordinator von Seligman Europe, Mag. Daniela Hofer ist Leiterin des Forschungsprojektes „Positive Interventionen bei älteren Menschen mit Depressionen“ und Doktorratsstudentin an der Abteilung für Psychologie an der Universität Graz.



 




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